Kurzgeschichte – Nimm Dir Zeit

Zeit, die wir uns nehmen, ist  Zeit, die uns etwas gibt.

                                Ernst Festl

Kürzlich fuhr ich wieder mal mit dem Zug nach Lüneburg – ein letztes Arbeitstreffen im alten Jahr stand auf der Tagesordnung. In meinem Umfeld gab es den einen oder anderen mir lieben Menschen, der mich angesichts dieser Information sprachlos anschaute. Ich konnte lesen, was sich hinter deren Stirn abspielte…. Was? Ein Arbeitstreffen am vorletzten Tag des Jahres? Ja, bist Du denn noch zu retten?

Zugegeben, das Wort Arbeitstreffen klingt sehr förmlich und riecht ein bissel nach Stress und hast-Du-nicht-gesehen. Isses aber nicht für mich, weil ich meine Arbeit mag und ich nahezu jede mir sich bietende Gelegenheit nutze – vorausgesetzt, ich erkenne sie als solche! -, um mich darin zu verbessern. Und weil ich die Menschen mag, mit denen ich zusammenarbeite.

Also, ich kam am Bahnhof in Lüneburg an. Horst holte mich ab. Wir wollten uns ein paar Brötchen holen. Und während wir auf den Bäckerstand zusteuerten, sah Horst einen Geldbeutel auf dem Fußboden liegen. Vermutlich hatte ihn jemand beim Brotkaufen verloren. Er oder sie würde ihn am ehesten wohl dort suchen. Deswegen wollten wor den Geldbeutel auch direkt am Bäckerstand abgeben. Falsch gedacht. Es machte zwar den Eindruck, dass der Bäckersfrau unsere Argumentation einleuchtete. Sie schickte uns jedoch zum Informationsstand, weil sie – so ihr Chef – den Geldbeutel nicht annehmen durfte. Gesagt, getan: Horst kaufte also die Brötchen. Ich ging in der Zwischenzeit zum Informationsstand, um den Geldbeutel abzugeben. Ich nahm an, dass ich gleich wieder zurück sein würde………….Wieder falsch gedacht. Statt den Geldbeutel einfach am Informationsstand abgeben und zum Brötchenstand zurückkehren zu können, setzte ich mit Betreten der Infirmationsstelle eine ungeahnte Bürokratie in Gang und Letztere meine Geduld auf eine gefühlt nicht enden wollende Zerreißprobe…….

Alles braucht seine Zeit………

Als ich der gelangweilt drein schauenden Dame an der Information den Geldbeutel aushändigte mit den Worten, dass ich selbigen gerade in der Bahnhofshalle gefunden hätte, hatte ich kurz den Eindruck, – ich mag mich ja irren – dass ich ungelegen kam. Auf meine Frage, ob ich bei ihr denn überhaupt an der richtigen Adresse sei, nickte die Dame – nun sehr freundlich – mit dem Kopf und bat mich um meinen Ausweis. Meinen Einwand, dass ich den Geldbeutel nur abgeben wollte, und sie dafür doch meinen Ausweis nicht bräuchte, bestätigte die Dame wiederum mit einem freundlichen Kopfnicken und schrieb umständlich meine Personalien von meinem Ausweis ab.

Währenddessen fragte mich die sehr freundliche Dame am Informationsstand,  wieviel Geld denn im Geldbeutel sei. Als ich ihr sagte, dass ich gar nicht hineingeschaut hätte, belehrte die Dame mich – sehr freundlich wohlgemerkt – dass ich dies jedoch als erstes hätte machen müssen. Vielleicht hätte ich ja dadurch herausfinden können, wem der Geldbeutel gehört. Ob dieser Worte beschlich mich der Gedanke, ob die sehr freundliche Dame am Informationsstand mir damit sehr freundlich sagen wollte, dass ich wegen des Geldbeutels bei ihr doch an der falschen Adresse sei…….Zeit ist, was verhindert,

„Zeit ist, was verhindert, dass alles auf einmal passiert.“  – John A. Wheelers

Dass an der Information am Bahnhof Lüneburg nun alles auf einmal passieren würde, das befürchtete ich fürwahr nicht. Mit einem tiefen Seufzen ließ mich die sehr freundliche Dame an der Information wissen, dass nun eine große Herausforderung auf uns wartete. Und prompt bekam ich fast ein schlechtes Gewissen….Nicht allein, dass ich den Geldbeutel bei ihr abgegeben hatte. Nun führte mein Unwissen, dass ich vorher selbst hätte in den Geldbeutel hineinschauen müssen, dazu, dass sich die freundliche Dame an der Information auch noch mit dessen Inhalt auseinandersetzen mußte. Sie zählte also umständlich die Scheine und Münzen, tippte die einzelnen Beträge  in ihren Tischrechner, ermittelte die Summe von 250 € und ein paar angebrochenen Euronen und bat mich darum, selbst nochmals nachzuzählen. Bevor ich damit anfing, wagte ich die vorsichtige Frage, ob es denn nicht sinnvoll sei, rasch eine Durchsage zu machen. Weil es ja sein könnte, dass der oder die rechtmäßige Besitzer/in sich noch in Hörweite befinden würde.

Und oh Wunder….die sehr freundliche Dame schaute kurzer Hand – ja wirklich, ganz kurzer Hand – im fraglichen Geldbeutel nach einem Indiz, das Auskunft geben würde über den Namen des Menschen, den sie – hoffentlich – in wenigen Sekunden ausrufen würde. Und ohne weitere Fragen an mich zu richten, hörte ich sie kurz darauf doch tatsächlich die Durchsage machen, mit der sie die Besitzerin des Geldbeutels namentlich „aufforderte, unverzüglich zum Informationsstand zu kommen.  Fast konnte ich es nicht glauben, dass wir nach gefühlten 45 Minuten, seitdem ich den Geldbeutel bei der sehr freundlichen Dame an der Informationabgegeben hatte, schon so weit waren…

In der Zwischenzeit zählte ich den Inhalt des Geldbeutels nach und bestätigte der sehr freundlichen Dame, dass der von ihr ermittelte Betrag richtig gewesen sei. Wenn Sie nun denken, dass ich jetzt gehen konnte, falsch gedacht! Die sehr freundliche Dame hatte nämlich noch einige Fragen an mich zu den Hintergründen, wie ich denn zu dem Geldbeutel überhaupt gekommen sei. Wo genau der Fundort war. Wer außer mir noch dabei war. Warum die Bäckersfrau den Geldbeutel nicht entgegen genommen hätte. Warum ich denn überhaupt zu jener Zeit auf dem Bahnhof in Lüneburg war, wo ich doch in Hamburg lebte. Hoffentlich würde sie mich nicht noch fragen, warum ich den Geldbeutel überhaupt bei ihr abgegeben hatte……

Gott schuf die Zeit – von Eile hat er nichts gesagt…….

Im Vertrauen: In der Zeit, die ich zwischenzeitlich am Informationsstand zubrachte, da gründen andere Menschen ganze Familien. So kam es mir zumindest vor. Es wird Sie also nicht überraschen zu lesen, dass Horst nicht mehr am Bäckersstand auf mich wartete, sondern  längst selbst zur Informationsstelle gekommen war. Täuschte ich mich, oder hatte die sehr freundlichen Dame am Informationsstand ein wenig Panik im Blick, es könnte weiteres Ungemach auf sie zukommen, als sich die Tür quietschend öffnete und Horst den Raum betrat? Wenn es denn so war, so ließ sich die sehr freundliche Dame an der Information allerdings nicht aus der Ruhe bringen. Sie sah das ausgefüllte Formular erneut genaustens durch und bat mich abschließend darum, ihr noch mit meiner Unterschrift die Höhe des ermittelten Geldbetrages zu bestätigen. Und dann, Sie glauben es kaum, die sehr freundliche Dame an der Information – in Gedanken nannte ich sie liebevoll den weiblichen Schimmelreiter vom Bahnhof Lüneburg– , war’s zufrieden, hatte keine Fragen zur weiteren Aufklärung des Sachverhaltes. Zum Abschhied drückte sie mir  noch eine Kopie des ausgefüllten Formulares wegen dem gefundenen Geldbeutels in die Hand, nicht ohne mir verständnisvoll zuzuraunen, dass ich ja sonst möglicherweise später gar nicht mehr wüßte, was heute passiert sei…………

Sie können sich’s vielleicht vorstellen: Unsere Freude war unsäglich groß, als uns bewusst wurde, dass wir wieder unserer Wege gehen durften.

„Die Zeit offenbart ihr Geheimnis nur denen, die sie vergessen.“   Andreas Tenzer

In den folgenden Tagen hatte ich diese Begebenheit längst vergessen. Als ich vorgestern aus meinem Briefkasten einen etwas dickeren Umschlag von einem mir unbekannten Absender aus Lüneburg nahm, der mit einer mir ebenso unbekannten Schrift beschrieben war, hatte ich daher nicht nur EIN großes Fragezeichen im Auge. Im Umschlag steckte eine mit sehr krakeliger Schrift beschriebene Karte, die eine Tafel Schokolade und 20 € enthielt. Der Brief stammte von der Besitzerin des Geldbeutels, den wir am Bahnhof in Lüneburg gefunden und bei der sehr freundlichen Dame an der Information abgegeben hatten. Darin bedankte sich die Besitzerin, eine offenbar recht betagte Dame,  mit einem Finderlohn für unsere Mühe und Ehrlichkeit. Die alte Dame entschuldigte sich für ihre krakelige Schrift,  schrieb, sie sei fast blind. Und das sei auch die Ursache gewesen, weshalb sie ihren Geldbeutel wohl versehentlich daneben gesteckt hatte, als sie ihn nach ihrem Einkauf am Bäckersstand wieder in ihre Tasche tat. Dass sie mir trotz ihrer offensichtlich sehr geringen Sehstärke diese Karte geschrieben hatte, um sich mit einem Finderlohn bei mir zu bedanken, berührte mich sehr.

Ich habe mich gestern bei der Dame bedankt. Mit einem Brief in extra großen Lettern, damit sie den Brief (hoffentlich) besser lesen kann.

Für 2014 habe ich mir vorgenommen, mit der Zeit, mit meiner Zeit, besser umzugehen als bisher. Das Video mit dem irischen Segenswunsch zum Thema Zeit, das ich gestern zufällig auf You Tube gefunden habe, wird für mich künftig ein wertvoller Wegbegleiter sein. Egal, wohin mein Weg mich noch führen wird……..

Geht es Ihnen auch manchmal so, dass Sie denken, Ihnen läuft die Zeit davon? Wie schaffen Sie’s dann, sich Zeit für die Menschen und Dinge zu nehmen, die Ihnen wirklich wichtig sind? Sagen Sie’s mir in den Kommentaren.

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