Textprobe – Auch ein schwarzer Tag ist kein verlorener Tag

Alma schreckt aus dem Schlaf und schaut auf das Zifferblatt des Weckers, der auf dem Nachttisch neben ihrem Bett steht. „Himmel“, fährt es ihr durch den Kopf. „Schon halb 8 Uhr!“ Sie sollte schon längst auf dem Weg zur Bahn sein. Wieso bloß hat der Wecker denn nicht geklingelt? Oder hatte sie ihn einfach nicht gehört?

Egal: Schnell raus aus den Federn, Katzenwäsche, rasch noch ein Schluck Kaffee und dann aber los! Als sie am Bahnhof ankommt, sieht Alma von ihrem Zug gerade noch die Rücklichter. Mist! Jetzt würde sie heute wieder zu spät kommen. Sie hat schon das süß-säuerliche Grinsen ihrer Kollegin Frau Riedel vor Augen, die keine Gelegenheit auslässt, darauf hin zu weisen, dass Almas Unpünktlichkeit bei aller Liebe und Freundlichkeit die Zusammenarbeit doch sehr belasten würde, auch wenn sie, Frau Riedel, Almas Kreativität sehr zu schätzen wüßte. Oh, diese scheinheilige Xanthippe, denkt Alma! Die ganze Firma weiß doch, dass Frau Riedel nichts lieber wäre, wie wenn Alma entlassen würde. Sei’s drum…in jedem Fall würde Alma heute wieder zu spät sein…….

Eine halbe Stunde später sitzt Alma endlich im Zug. Auf dem Weg vom Bahnhof ins Büro fängt es an zu regnen und Alma merkt, dass sie in der Eile ihren Schirm im Zug hat liegen lassen. Auch das noch. Jetzt würde sie nicht nur zu spät, sondern auch pudelnass im Büro ankommen…wer den Schaden hat, braucht für den Spott wahrlich nicht zu sorgen, denkt Alma missmutig…so pudelnass würde sie ein wahres Bild des Jammers abgeben. Versunken in ihren wenig freundlichen Gedanken über Frau Riedel und alles Ungemach, das ihr an diesem Tag bereits widerfahren ist, steht Alma an der Ampel, als ein Wagen heranprescht und mit Karacho dicht am Fahrbahnrand an ihr vorbeisaust. Sekunden später ist Almas helle Hose nicht nur nass, sondern – wohlwollend ausgedrückt – gesprenkelt mit dem Salz-und-Pfeffer Muster längst vergangener Tage.

Alma schaute an sich runter und war den Tränen nahe: Warum nur, fragte sie verzweifelt? Was hatte sie bloß getan, dass ihr all das passierte? Kaum hatte sie diese Frage gestellt, tippte ihr jemand leicht auf die Schulter. Alma drehte sich um und schaut direkt in das gütige Gesicht einer alten Frau. Es war die Weisheit, die zu Alma sprach. „Alma, das ist die falsche Frage! sagte die alte Frau mit einer ungewöhnlich tiefen Stimme, die Alma durch Mark und Bein ging. „Nimm es an, wie es ist. Hadere nicht mit dem, was Dir widerfährt.“ Du bist gut, antwortete Alma. Wenn Du solch einen schwarzen Tag hättest wie ich, dann ging’s Dr genauso und Dir würde es vergehen, so schlau daher zu schwätzen.“

„Glaube mir“, sagte die Weisheit lächelnd. „Selbst an Tagen, an denen Du denkst, dass sich alles und Jedes gegen Dich verschworen hat, an denen Du vor lauter Unglück nicht mehr sehen kannst, welche Geschenke und Kostbarkeiten der Tag dennoch für Dich bereit hält, an Tagen, an denen Du keinen Grund siehst zu lächeln, Tage, an denen Du nichts genießen kannst und an denen Du Dich von aller Welt verraten und verkauft fühlst, selbst dann ist der Tag nicht wertlos. Denn egal, wie rabenschwarz der Tag sich für Dich anfühlen mag: Wirf den Tag nicht weg, sondern mach das beste draus. Schenke den Tag einem Menschen, der ihn gebrauchen kann!“

Noch ehe Alma antworten konnte, entschwand die alte Dame so rasch wie sie aufgetaucht war, die Ampel schaltete auf grün und Alma überquerte lächelnd die Straße. Und so, als ob der Himmel Almas neue Gedanken lesen konnte, hörte der Regen auf und die Sonne schob sich leise hinter den Wolken hervor und blinzelte Alma verschmitzt zu.

Kommentare sind geschlossen.